Von Budo zu Judo – dem sanften Weg

André Wolf und Uli Marx

In Japan leben die Menschen mit am längsten. Bei Frauen beträgt die Lebenserwartung rund 87 Jahre, bei Männern rund 81 Jahre. Die hohe Lebenserwartung in Japan ist das in der Hauptsache das Ergebnis einer Kombination aus gesunder Ernährung, gutem Gesundheitswesen, aktiver Lebensweise und nicht zuletzt auch durch die Fähigkeit zur inneren Ruhe zu finden – etwa durch Meditation, in verschiedenster Form.

Obwohl moderne Mannschaftssportarten wie z. B. Baseball oder Fußball sich wachsender Begeisterung erfreuen, wurzelt die traditionelle „körperlichen Ertüchtigung“ in der bewegten Geschichte Japans.

Mit Beginn der Edo-Zeit, die 265 Jahre dauerte (1603 – 1868), begann auch eine lange Friedenszeit in Japan. Die japanischen Krieger – die Samurai – verloren an Bedeutung. Deren Kampfkünste (Sammelbegriff „Budo“) wurden bis ins späte 19. Jahrhundert nur noch in Kampfkunstschulen gelehrt und gerieten dann nach und nach in Vergessenheit, bis sie von Jigoro Kanō wiederentdeckt wurden.

In seiner Jugend war Kanō 1,57 m groß, wog nur 41 kg. Er wurde schon als Kind und auch später an der Universität gehänselt. Daher machte er sich auf die Suche nach einer Technik, mit der er sich gegen die Schikanen und Angriffe seiner ihm körperlich überlegenen Peiniger wehren konnte. Er fand schließlich eine der letzten noch praktizierenden Jiu-Jitsu-Schulen, das Fukuda Dojo von Meister Hachinosuke Fukuda. Nach fünf Jahren intensiven Trainings – und der parallelen Beschäftigung mit westlicher wie auch fernöstlicher Philosophie – eröffnete er seine eigene Schule, den Kodokan.

Dort lehrte er von nun an den neuen Kampfstil, den er Judo nannte und der manche übermäßig gewaltsame Techniken des Jiu-Jitsu ausklammerte. Er setzte sich dafür umso intensiver mit der inneren Kraft der Judoka auseinander. Eine andere wichtige Säule galt der Sicherheit. Judo-Einsteiger lernen deshalb seit jeher zuerst das richtige Fallen und Abrollen. Trotzdem ließ der Erfolg auf sich warten. In den ersten Jahren zählte die Kodokan gerade einmal neun Mitglieder.

Doch das änderte sich schließlich, als erkannt wurde, dass Judo nicht nur eine Kampf- und Selbstverteidigungstechnik ist, sondern vor allem auch intensive sportliche Betätigung verspricht. Kano propagierte seinen Stil deshalb bald als moderne Art der Leibeserziehung, die Körper und Geist stärkt und so auch die Ausbildung des Charakters fördert. Er setzte sich schließlich durch. Bald war Judo Teil der Ausbildung der japanischen Armee und Polizei und wurde ab dem beginnenden 20. Jahrhundert zum Pflichtfach an Schulen. Damit Judo in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hatte sich von der reinen Kampftechnik zu einer komplexen Sportart gewandelt.

Heute wird Judo in über 140 Ländern praktiziert. Dass es sich dabei um ein den Körper und den Charakter formendes Prinzip handelt, steht dabei nach wie vor im Mittelpunkt.

Zwei Grundsäulen sind zentral:

  • Sei-ryoku-zen-yo (bester Einsatz der Körper- und Geisteskraft)

Damit wird die technische Seite des Sportes beschrieben und die Wichtigkeit von intensivem regelmäßigem Training mit einem Gegenüber unterstrichen. Es geht also um das Erlernen von Techniken, die den gezielten und bestmöglichen Einsatz aller zur Verfügung stehenden Kräfte ermöglichen.

Physische Stärke oder reine Muskelkraft ist dabei allerdings zweitrangig, denn gemäß Kanōs Idee soll Judo auch das „Siegen durch Nachgeben“ eine Rolle spielen. Nachgeben bedeutet dabei aber nie aufzugeben, sondern die Möglichkeit, den Gegner durch das Wechselspiel von Kräfteeinsatz bzw. Kräfteentzug zu Fall zu bringen. Das erfordert vor allem Körperspannung, Flexibilität, Intelligenz und schnelle Reaktion.

  • Ji-tay-kyo-ei (gegenseitiges Helfen zum Wohlergehen)

Dabei beschäftigt man sich mit der moralischen Seite des Sportes und wird oft als „Harmonieprinzip“ beschrieben. Es beschreibt den Grundsatz, dass Judo nicht in erster Linie dazu da ist, den Gegner zu verletzen, sondern dass es auch im Kampfsport um ein respektvolles Miteinander geht, damit alle Beteiligten sich weiterentwickeln und verbessern können. Diese soll auch auf das Leben „außerhalb“ des Kampfsportes übertragen werden.

(Quelle: Zusammengestellt von U. Marx, in Anlehnung an Inhalte aus dem Buch „Sehnsucht nach Japan, Lebensart im Land der aufgehenden Sonne“ und Ergänzungen aus dem www.)

Stand 10.07.25 mx js